Die Beschreibung eines Blutegelparks bei Smyrna (Izmir)

 Blutegelpark

 Wir theilen hier die Beschreibung eines Blutegelparks bei Smyrna, aus dem Répertoire de pharmacie, Octobre 1852, mit:

 Dieser Park besteht aus einem niedlichen Hause, in welchem der Intendant wohnt, welcher die ganze Anlage überwacht. Es ist erbaut auf einer kleiner Anhöhe und hat nach allen Seiten eine freie Aussicht. Ein Weinberg umgiebt es mit seinem Laube und bildet gleichsam einen breiten Gürtel desselben. Eine grosse Umfriedigung, mit hohen Mauern umgeben, gehört zu dem Hause. Unter den Mauern dringt ein Bach mit starkem Gefälle in die Umfriedigung und bewässert den Boden derselben mit einer stets kühlen Flüssigkeit. Links vom Hause befindet sich ein Reservoir, mehr tief als breit, in welchem sich immer Wasser befindet, ungeachtet der Hitze und Trockenheit der längsten Sommer. Neben dem Reservoir erhebt sich ein langes und grosses Gebäude, in welchem alle Operationen vorgehen, von denen jetzt berichtet werden soll. Rechts vom Reservoir und einige Fuss tiefer als dasselbe bemerkt man eine Reihe von Teichen und grossen Bassins, von ovaler Form, 60 Fuss Länge, 25 Fuss Breite. Dieser Teiche sind 18 vorhanden. Der Bach, oder, in Ermangelung desselben , das Reservoir dienen dazu, sie mit Wasser zu versorgen. Es tritt langsam ein und fliesst an der anderen Seite wieder ab. Diese Teiche sind mit einer hohen Palissade umgeben, und die ganze Umfriedigung wird des Nachts von einigen grossen Hunden bewacht, die in der ganzen Umgegend für äusserst wilde Thiere gelten.

Die Blutegel kommen aus den Sümpfen im Innern des Landes; eine gewisse Classe von Leuten widmet sich dieser Industrie und treibt die Blutegeljagd. Sobald sie eine hinlängliche Quantität derselben beisamen haben, so verkaufen sie dieselbe nach dem Gewicht. Die Oka ist in solchem Falle das gebräuchlichste Gewicht und beträgt 2 ½ bis 2 ¾ Pfund engl. Weiter oben haben wir auch angegeben, wie in der Gegend von Smyrna die Blutegelfischerei betrieben wird.

Sobald die Blutegel in diese Anstalt anlangen, so bringt man sie auf eine feuchte Tafel in der Mitte des grossen Magazines, von welchem weiter oben die Rede war. Man sucht hier die Blutegel aus, denn nicht in allen Ländern sind die nämlichen Sorten der Blutegel beliebt; in England z.B. giebt man den grossen Blutegeln, anderwärts aber wiederum den kleinern den Vorzug. Nachdem das Auslesen bewerkstelligt worden, trägt man die Blutegel ein, wägt sie und füttert oder tränkt sie endlich. Für diesen Zweck bringt man sie in einen grossen mit Rindsblut angefüllten Kübel, und während sie das Blut einsaugen, trägt man Sorge, das dasselbe nicht gerinne. Diejenigen, welche diesen Theil des Geschäfts zu besorgen haben, sind genöthigt, jeden Augenblick ihre Arme in das Blut einzutauchen, so dass sie bald ein widerwärtiges Ansehen bekommen.

Nachdem die Blutegel sich gesättigt haben, werden sie sogleich wider entleert, und diese Operation ist bei so zarten Thieren äusserst schwierig. Man bringt sie von Neuem auf die Wage und dann, je nach ihrem Gewichte und ihrer Grösse, in verschiedene Teiche, wo sie wachsen und sich vervielfältigen. Jetzt verursachen sie keine weitere Mühe, denn diese Teiche haben mit natürlichen Blutegelsümpfen die grösste Aehnlichkeit. Um es ihnen behaglich zu machen, verwandelt man den Teich in einen kleinen Sumpf, welcher mit fliessendem Wasser versorgt wird. Der Boden und die innernen Wände der Bassins müssen eine gewisse Festigkeit haben, um die Blutegel abzuhalten, allzutiefe Löcher zu machen und sich so weit im Schlamme zu verlieren, dass sie nicht mehr zurückkehren können. In die Mitte pflanzt man einige hohe Rohrpflanzen, deren Schatten die Blutegel gegen die Gluth der Sonne schützt. Auf dem Wasser schwimmt auch eine Art von Wasserpflanze, nach welcher die Blutegel sehr gierig zu sein scheinen.

Im Sommer nehmen die Blutegel rasch an Körper zu und 14 oder 15 Tage sind ausreichend, um eine starke Gewichtsdifferenz bei ihnen hervorzubringen. Im Winter gehört eine etwas längere Zeit dazu und zwar 25 bis 31 Tage. Man fischt die Blutegel wieder, nachdem sie gehörig ausgeruht und eine gute Fütterung erhalten haben. Das Verfahren, welches man dabei anwendet, ist sehr sinnreich und bekundet einen entscheidenden Fortschritt vor der ersteren Art des Fanges. Man wirft in den Teich mit so viel Geräusch und Geplätscher, als man hervorbringen kann, kleine Bretchen von 3 bis 8 Zoll Länge, deren eine Seite, und zwar diejenige, welche in das Wasser kommen soll, mit schwarzem Tuche überzogen ist. Sobald diese Flotte auf der Oberfläche des Teiches vertheilt ist, so suchen Sclaven die Aufmerksamkeit der Blutgele zu erregen, indem sie das Wasser unaufhörlich mit langen Stöcken schlagen. Die Blutegel folgen dem Rufe, kommen an die Oberfläche des Wassers und hängen sich traubenförmig an das schwarze Tuch, welches ihnen als Nachen dient. Ein anderer Sclave fischt die kleinen Bretchen mit Hülfe eines grossen Schaumlöffels oder eines Siebes aus Zink und befreit sie ganz sauber mittelst eines Ginsterbesens von den Blutegeln, inderm er dieselben in sein Bassin fallen lässt. Man bringt sie nun widerum auf die Wage und wenn sie durch das Futter während eines ganzen Monates gehörig zugenommen haben, so muss jetzt ihr Gewicht verdreifacht sein. Nun bleibt aber noch die schwierigste Arbeit übrig, die Blutegel müssen nämlich für die Ausfuhr vorbereitet werden, was wir beschreiben wollen, sobald von dem Transporte der Blutegel die Rede sein wird.

Nichts wird in dieser Anstalt vernachlässigt, um das Ergebniss dieses neuen Industriezweiges zu sichern. Man hat Fallen ersonnen, die am Ufer jedes Teiches aufgestellt werden, um das Entweichen der Blutegel zu verhüten oder die Flüchtlinge wieder einzufangen. Die Magazine der Anstalt werden von einem Canale durchscnitten, dessen Bette geneigt und dessen Strömung rasch ist. Wenn es einem Blutegel gelungen ist, von der Tafel oder aus dem Sacke, in welchem er sich befand, zu entschlüpfen, so nimmt er unfehlbar seine Richtung nach dem Canale, dessen kühlung ihn anzieht; aber die Strömung führt ihn sogleich in eine Art von Gefängniss, welches die Form einer marmornen Cisterne hat. Dieselbe wird von Zeit zu Zeit untersucht, um die Blutegel wiederzuerlangen, welche entwichen waren.

Wir empfehlen nun noch den Personen, welche Erhaltungsbassins anzulegen gedenken, alles dasjenige in Erwägung zu ziehen, was wir über die Sümpfe, die Bassins oder die Reservoirs weiter oben gesagt haben, um eine Auswahl der Einrichtungen zu treffen, die sie für zweckmässig erachten, ehe sie zur eigentliche Unternehmung schreiten.

Originaltext (Seiten 132 - 136):

Die Blutegelzucht, Nach der Monographie des Sangsues médicinales, par M. Ch. Fermond, deutsch bearbeitet von Dr. Christ. Heinr. Schmidt, zweite vermehrte Auflage, Weimar, 1959, Verlag Druck und Lithographie von Bernard Friedrich Voigt.

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