Ueber die Blutegelzucht in Kleinasien (Türkei)

Landerer theilt mit, dass die eigentliche Fangzeit der Blutegel im Oriente vom October bis Februar dauert, während welcher Zeit sie aus den vielen Seen Kleinasiens 10 - 15 Tagereisen weit durch die Blutegelfischer auf Kameelen nach Smyrna (Izmir) gebracht werden.

Man fangt die Blutegel (auf Türkisch Suluk genannt) durch Hineinwaten in die Teiche, wo sich dieselben an dem Körper, besonders an Händen und Füssen, ansetzen und dann abgenommen werden oder durch lange und schmale Wollentücher, die der Blutegelfischer in den Händen hält oder um den Leib bindet und damit Stunden lang durch die Teiche watet. Ist der See an mehreren Stellen tief und von grosser Ausdehnung, so wird der Fischer von kleinen, zur Blutegelfischerei eigens gebauten Barken begleitet, in welche er von Zeit zu Zeit die an sich selbst und an die Tücher angesetzten Blutegel abgiebt, wo sie in eigenen Gefässen von Thon, die mit dem Wasser des Sees oder Teiches angefüllt sein müssen, vorläufig aufbewahrt werden. Hierauf füllt man die Egel in kleine Säcke, von welchen jeder l Okka fasst, und bringt sie in von innen und aussen mit Tüchern umwickelten Körben nach Smyrna. Während der Reise dahin werden sie, wenn dieselbe mehrere Tage lang dauert, jeden dritten Abend aus den Säcken in hölzerne Gefässe ausgeleert, mit Wasser so gut als möglich abgewaschen, so wie von allem anhängenden Schleime befreit, und nachdem man die todten und krankscheinenden ausgesucht und weggeworfen, Okkaweise in frische Säcke gefüllt, worauf man die früheren Säcke fleissig wäscht, umstülpt, trocknet und für den nächsten Abend in Bereitschaft hält.

Nach der Ankunft in Smyrna werden die Thiere in die Blutegel-plantagen der Kaufleute gebracht und dort nach der Grosse in drei Theile sortirt. Die grössten werden als trächtig angesehen und als zur Brut dienlich mehrere Wochen in Ruhe gelassen, wodurch eine ausserordentliche Vermehrung erzielt wird. Auch die kleinen lässt man so lange in den Cisternen, bis sie die nöthige Grosse erlangt haben. Nur die mittlere Sorte ist zum Versenden bereit, was auf folgende Weise geschieht:
Man weicht gewöhnlichen Thon mit Wasser auf, presst ihn im breiigen Znstande zur Absonderung aller Unreinigkeiten durch Siebe, worauf man ihn wieder mehrere Stunden lang durchknetet. Dieser Thon wird in ganz neue weite Fässer gefüllt und in jedes Fass 10 bis 15 Okka Blutegel gethan, nachdem man sie durch Waschtücher von allem Schleim und Feuchtigkeit abgetrocknet hatte.

Das Grossziehen der kleinen Blutegel geschieht in folgender Weise:
Das aus den Carotiden ausfliessende Blut von Ochsen wird zur Verhinderung des Gerinnens fortwährend gepeitscht und auf 4 Okka desselben, die sich in einem hölzernen Gefässe befinden, 5 Okka Blutegel hineingebracht. Man wiederholt die Operation alle 3 - 4 Tage, worauf man die Egel jedesmal in die Cisternen zurückbringt. Durch diese Nahrung sollen die kleinen Thiere in kurzer Zeit gross werden und binnen drei Monaten um das dreifache Gewicht zunehmen.

Das Recht der Blutegelfischerei wird von der türkischen Regierung verpachtet. Aus Smyrna werden jährlich gegen 25,000 Okka Blutegel ausgeführt, davon kommen gegen 15,000 Okka nach Triest und gegen 10,000 nach Marseille, l Okka ist gleich 3 ½ Medicinal-pfunden, fasst ca. 1000 - 1100 Blutegel erster, 1800 - 2000 zweiter und 2900 - 3000 dritter Grosse und 4000 - 5000 von den allerkleinsten. In Smyrna werden sie mit 300 - 350 Piaster per Okka bezahlt.

Die in Kleinasien sich findenden Blutegel hält Landerer für Hirudo chlorogaster, H. Verbana und H. interrupta.

Auch in Griechenland befinden sich nicht unbedeutende Sümpfe, in denen Blutegelfischerei betrieben wird. Man" fischt jährlich 7000 bis 8000 Okka, wovon gegen 6000 Okka ins Ausland gehen, (Buchn. Repert. Bd. 4. H. 2.)

Originaltext (Seite 204 - 205 ):

ARCHIV DER PHARMACIE, Eine Zeitschrift des allgemeinen deutschen Apotheker-Vereins., ABTEILUNG NORDDEUTSCHLAND.
Herausgegeben unter Mitwirkung des Directorii von G. Wackenroder und L. Bley,I. Jahrgang. HANNOVER. Im Verlage der Hahn'schen Hofbuchhandlung. 1851.

Follow Us

Get more Joomla!® Templates and Joomla!® Forms From Crosstec