Notiz über Blutegelzucht und -Fang in Griechenland

Bekanntlich finden sich im heutigen Griechenland einige sumpfige Gegenden, und unter diesen sind die ausgedehnten Ebenen zwischen Theben und Livadien, die durch den Copais-See in einen ausgedehnten Sumpf umgestaltet werden, besonders zu erwähnen. Ebenso finden sich Sümpfe auf der Ebene von Marathon, bei Missolunghi, Patradschik. In allen diesen Sümpfen fanden sich in früheren Zeiten eine Unzahl von Blutegeln, so dass ein fleissiger Fischer, d. i. Blutegelfänger, in einem Tage 2 bis 3 Okka zu fangen im Stande war. Trieb man die Thiere durch die Sümpfe, z. B. von Marathon, so kamen dieselben mit Blutegeln bedeckt aus denselben heraus, und auf diese Weise wurden sie früher gefangen. Die Menge, die sich damals, z.B. in den Jahren 1828 - 31, in den Sümpfen von Griechenland fand, ist aus dem geringen Preise derselben ersichtlich, denn 1 Okka = 2 ½ Pfd. kostete 3 - 5 Drachmen = 1 ½ - 2 fl.

Alle diese Sümpfe sind unglücklicher Weise Eigenthum der Privaten, die dieselben nach dem Abzuge der Türken theils von den Paschas, theils auch von den Türken, die in früheren Jahren Eigenthümer derselben waren, für einige Tausend Piaster an sich brachten. Die Eigenthümer verpachten nun diese Sümpfe an die Blutegelfänger und Kaufleute für bedeutende Summen; so wurden die Sümpfe von Marathon für 10,000 Drachmen auf zwei Jahre verpachtet. Dass nun der Pächter alles aufbietet, um während der beiden Pachtjahre so viel als möglich zu gewinnen, ist begreiflich, daher werden Hunderte von Menschen beschäftigt, um aus diesen Sümpfen die Blutegel herauszufischen, ohne Berücksichtigung, ob diese Thiere ausgerottet werden oder nicht. Die sich mit dem Fange Beschäftigenden erhalten von dem Pächter je nach der Zahl der Blutegel ihren Lohn, und dass auf diese Weise auch von den Fängern nur der geringste Theil der gefangenen Thiere an den Aufseher abgegeben wird, ist ebenfalls begreiflich und erhellt daraus, dass die Barbiere ihre Blutegel von solchen Leuten kaufen, die ihnen von Zeit zu Zeit 20, 30, 50 Stück unter dem Versprechen des Stillschweigens zum Kauf anbieten. Gegen 12,000 Menschen beschäftigen sich in Griechenland mit dem Blutegelfange. Die Sümpfe des Landes sind aus den angegebenen Gründen beinahe ganz blutegelleer, und ein Mensch ist kaum im Stande, des Tages 10 bis 15 dieser Thiere zu fangen. Der Blutegelfang wird in Griechenland auf folgende Weise betrieben. Zwei Menschen, die sich gegenseitig helfen, waten in den Sümpf; der Eine schlägt mit einem breiten Holze oder einer Art Schaufel auf die Oberfläche des Wassers, um die Thiere aus demselben herauszulocken; zeigen sich nun dieselben auf der Oberfläche, so fängt der Hintenstehende mit den beiden Fingern, gleich einer Zange, die oben schwimmenden Thiere. Die Blutegel werden nun von den Pächtern theils im Inlande verkauft, grösstentheils jedoch nach dem Auslande ausgeführt, und zwar nach Marseille, Triest, Livorno. Da der Ausgangszoll sehr bedeutend ist, nämlich 9 Dr. für die Okka, so wird ein grosser Theil durch Schleichhandel ausgeschwärzt, so dass etwa 3000 Okka ins Ausland gehen, während bei den Zollbehördenkaum 1000 Okka declarirt werden. Die Blutegel werden in grosse hölzerne Kufen, die mit Thon gefüllt sind, gebracht und so ausgeführt.

Der Blutegel werden von Tage zu Tage weniger, und wenn die Regierung nicht sehr energische Maassregeln ergreift und die Ausfuhr gänzlich verhindert, so wird Griechenland bald gezwungen sein, Blutegel einzuführen. In Athen wird, ein Blutegel mit 30 bis 50 Lepta bezahlt; auf den Inseln des Archipels kostet derselbe zu Zeiten 60 Lepta, und oftmals sind sie auf diesen Inseln gar nicht aufzufinden, ja es ereigneten sich schon Todesfälle wegen Mangels derselben.

Die Blutegelfänger unterscheiden verschiedene Sorten, und zwar werden die Mutteregel, die zur Zucht bestimmt sein sollen, Mannais genannt, die zu fangenden heissen Fileto, und die kleinen und ganz jungen, die beim Fangen unberücksichtigt bleiben sollten, Metrion genannt. Da jedoch der Pächter, der den Sumpf auf 2 bis 3 Jahre gepachtet hat, nicht allein darauf sieht, sein Pachtgeld herauszubringen, sondern auch so viel als möglich zu gewinnen, so werden auch die Mutteregel gefangen, und zwar um so mehr, da dieselben als grösser ein bedeutenderes Gewicht haben, denn ein solcher Mutteregel wiegt 3, 5 - 10 Drammen, ja ein Blutegelfänger sagte mir, dass es Mannais gebe, die 15 - 20 Drammen wögen, und diese zu erhaschen, wenn auch zum grössten Nachtheil des Besitzers des Sumpfes, giebt sich der gewissenlose Pächter alle mögliche Mühe.In Betreff der Fortpflanzung der Blutegel erhielt ich folgende nicht uninteressante Notiz. Bekannt ist es, dass man noch im Zweifel ist, ob der medicinische Blutegel Eier legt, oder ob er lebendige Junge gebiert. Man kann wohl mit Gewissheit sagen, dass sie eierlegende Thiere sind und ihre Eier in eine Art von Cocon legen, in denen ie Ausbildung der Thierchen vor sich geht; solche Cocons finden die Sammler zwar sehr selten, indem dieselben sich auf dem Boden der Sümpfe eingegraben finden. In solchen Hüllen finden sich 200 - 300 kleine Blutegelchen, die im Anfang ganz klein und weissröthlich von Farbe sind und sich ausserordentlich schnell bewegen, aus diesem sogenannten Neste sieh nur wenig entfernen und bei Gefahr wieder in dasselbe hineinschlüpfen. Diese Cocons sind mit einem Bienenstocke zu vergleichen, in welchem sich die Thiere sammeln.Da der Werth der Blutegel .durch das Gewicht bestimmt wird, so liegt den Blutegelhändlern daran, die Thiere so gewichtig als möglich zu machen, und deshalb nehmen sie zu folgender Methode ihre Zuflucht. Die Blutegel, welche zum Verkauf bestimmt sind, werden längere Zeit in Blut aufbewahrt, damit sich dieselben vollzusaugen gezwungen sind. Dieses Blut wird von Zeit zu Zeit durch frisches ersetzt, und auf diese Weise ist es möglich, 1 Okka Blutegel auf 3 - 4 Okka zu bringen..In diesem mit Blut vollgesogenen Zustande werden nun dieselben verkauft, und natürlich sieht sich der Käufer dadurch betrogen, indem sie das Blut allmälig wieder von sich geben, und wird dieses nicht zeitig bemerkt, um die vom Blut durchdrungene Erde mit neuer wechseln zu können, so gehen sie in Folge der Fäulniss des Blutes und der Ammoniakbildung zu Grunde. Auch sind diese Blutegel in einem kränklichen Zustande und saugen nur sehr schwer oder in den meisten Fällen gar nicht.

Originaltext (Seiten 299 – 303):

ARCHIV DER PHARMACIE, Eine Zeitschrift des allgemeinen deutschen Apother-VereinsAbteilung Norddeutschland, Herausgegeben unter Mitwirkung des Directotiums von L. Bley, VI. Jahrgang, Hannover, Im Verlage der Hahn'schen Hofbuchhandlung, 1856.

 

Follow Us

Get more Joomla!® Templates and Joomla!® Forms From Crosstec